May
6
2011

ROBERT JOHNSON: DAS VERGESSENE GENIE

Er gilt als der wohl größter Pionier des Blues und damit als der Architekt des bedeutendsten Beitrags, den Amerika zur populären Musik des 20. Jahrhunderts geleistet hat. Am 8. Mai wäre Robert Johnson 100 Jahre alt geworden.

von Ernst Hofacker  

Bekannt war der Mann, von dem lediglich zwei bekannte Fotos existieren, nie. Weder zu Lebzeiten noch lange Zeit danach. Als er in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts durch die Juke Joints und Tent Shows zog, gehörte er zu den Legionen weitgehend unbekannter Musiker, die damals den amerikanischen Süden bevölkerten. Und nachdem er am 16. August 1938 gestorben war, hatte ihn die Welt, die ihn ohnehin kaum kannte, gleich wieder vergessen.

Mit 29 Songs zur Legende

Zweifellos hätte er ein großes Publikum erreichen können, wäre er wie geplant, am 23. und 24. Dezember 1938 beim berühmten „From Spirituals To Gospel“-Konzert aufgetreten, das der rührige Szene-Entrepeneur John Hammond in der New Yorker Carnegie Hall veranstaltete. Da jedoch lag Johnson bereits unter der Erde, der Legende zufolge vergiftet von einem eifersüchtigen Ehemann. So trat statt seiner der Folkblues-Gitarrist Big Bill Broonzy dort auf, neben Stars wie Count Basie, Benny Goodman, Big Joe Turner, Helen Humes und dem Golden Gate Quintet. Nur sechs Schellackplatten wurden zu Johnsons Lebzeiten veröffentlicht, einzig der „Terraplane Blues“ konnte im ohnehin bescheidenen Rahmen der damals sogenannten „Race Music“ eine nennenswerte Stückzahl verkaufen.

Wie also konnte Johnson, der in seinem kurzen Leben nur zwei Recording Sessions absolvierte, bei denen er in den Jahren 1936/37 gerade mal 29 Songs einspielte, zu dieser überlebensgroßen, mythischen Vaterfigur des Blues werden? Verantwortlich dafür war jener John Hammond. 1961, immerhin 23 Jahre nach Johnsons Tod, brachte der inzwischen für das Columbia-Label arbeitetende A&R-Manager dort eine Platte mit dem Titel „King Of The Delta Blues Singers“ heraus (zur selben Zeit übrigens, als er in der New Yorker Folkszene einen jungen Sänger namens Bob Dylan entdeckte). Das Album, das dem damals gestiegenen Interesse an authentischem amerikanischen Folk entgegenkommen sollte, versammelte 16 von Johnsons Aufnahmen. Es sollte sich in den folgenden Jahren zum tatsächlich einflussreichsten Bluesalbum aller Zeiten entwickeln.

Clapton und die Stones covern Johnson

Vor allem junge europäische Blues-Fanatiker wie die Rolling Stones, Eric Clapton, Fleetwood Mac und Jimmy Page entdeckten nun das Werk dieses mysteriösen Herumtreibers aus den Nebeln der Vergangenheit. Was sie hörten, war ein teuflisch guter Gitarrist, ein Performer, dessen Vortrag unter die Haut ging, und ein Komponist, dessen so kompakte wie komplexe Songs das Bindeglied zwischem dem archaischen Deltablues der zwanziger und dem elektrifizierten Chicago Blues der vierziger und fünfziger Jahre darstellten.

Alsbald tauchten erste weiße Rockversionen von Johnsons Songs auf. Zu den bekanntesten dürften Creams „Crossroads“, Claptons „Ramblin’ On My Mind“ (eingespielt mit John Mayall’s Bluesbreakers) und „Love In Vain“ von den Rolling Stones gehören. Erst durch die postume „Promotion“ junger Rockstars also wurde das Vermächtnis dieses genialen Pioniers erkannt – im Jahr 2003 listete das US-Magazin „Rolling Stone“ „The King of The Delta Blues Singers“ auf Platz 27 der „500 Greatest Albums Of All Times“. Und das britische Magazin „Mojo“ setzte es auf Platz 6 der „100 Records That Changed The World“.

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